Der Terroranschlag von Hanau am 19.02.2020

Veröffentlicht am 23.02.2020 in Aktuelles

Liebe Illerkirchbergerinnen und Illerkirchberger,
liebe Politiker, Nachbargemeinden und Vereine, liebe Freundinnen und Freunde,

gestern vor 77 Jahren wurde das Leben zweier wunderbarer Menschen aus Ulm nach einem Schauprozess, geführt durch den unberechenbaren Scharfrichter, Roland Freisler, durch das Fallbeil beendet.

Denkstelle zu den Opfern von Hanau in Unterkirchberg
Denkstelle in Unterkirchberg
Bild © Hasan Sen

Demütig, aber auch nachdenklich blickt man, auch vor den furchtbaren Ereignissen am 19.02.2020 in Hanau auf diese schreckliche Zeit zurück. Junge Menschen wollten damals Ihre Zukunft nicht in die Hände von blinden und unberechenbaren, sogenannten Nationalsozialisten, vergleichbar mit „unseren“ heutigen Populisten, übergeben. Im Dritten Reich hatten junge Menschen Angst um ihre Zukunft und zeigten gewaltfrei Flagge, und dies in einer Zeit, in der man als Demokratin und Demokrat, „vogelfrei“ war. Ein mit unserem heutigen, Gott sei Dank vorhandenen und möglichen Rechtsverständnis, unmögliches Szenario...

 

In Hanau ist erneut und bereits mehrfach auf schreckliche Weise das passiert, was wir uns selbst vor 20 Jahren hätten nicht vorstellen können. Junge Menschen, größtenteils Deutsche mit sogenanntem Migrationshintergrund, wurden willkürlich und überraschend ermordet, weil sie an etwas anderes glaubten, anders aussehen, auch andere, fremd anmutende Sprachen beherrschen, andere Musik hören oder einfach nur vielfältig leben wollten. Das Ende des zweiten Weltkriegs hat nicht nur uns Deutsche, sondern die ganze Welt gelehrt, was rechtspopulistisches Gedankengut in seiner Gesellschaft anrichten kann. Für eine solche, zweifelsohne falsche und schleichende Entwicklung, sind wir alle Miteinander verantwortlich. Wir dürfen es nicht zulassen, dass eine radikal denkende Minderheit, die auch vor Mord und Terror nicht zurückschreckt, unsere freiheitlichen Grundwerte zerrüttet, Ängste schürt, mit Unwahrheiten manipuliert und uns letztendlich auch zerreißt, wenn wir dies zulassen. Dass es solche Menschen zwischenzeitlich auch zahlreich im Bundestag, aber auch in den Landtagen, möglicherweise auch auf kommunalen Ebenen gibt, ist eine Zwangsläufigkeit unseres Demokratieverständnisses. Unsere wertvollstes Gut ist unsere Demokratie, welche von Fanatikern, Nationalisten sowie Populisten durch ihre im Grundgesetz abgesichertes Wahlrecht von niemandem für Demokratiefeindliches missbraucht werden darf.

Der schleichende Prozess, insbesondere nach den furchtbaren Anschlägen vom 11. September 2001, mit all den furchtbaren Katastrophen und inszenierten Kriegen, welche darauf im Nahen und Mittleren Osten folgten, zeigen uns erneut, wie verletzlich unsere Demokratien sind. Das Risiko der Demokratie ist nun mal, dass auch Nichtdemokraten Macht erlangen können und plötzlich in Gremium und Parlamenten sitzen, welche zur Wahrung der Demokratie geschaffen wurden. Unsere Gesellschaft zerbricht nicht an millionenfachen Toten im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nordafrika, sondern an den Folgen von zwischenzeitlich bestätigt inszenierten Kriegen, nämlich der Flüchtlingsthematik. In wenigen Jahren haben wir erfahren, wie zerbrechlich unsere Gesellschaft ist bzw. sein kann, wenn wir nicht miteinander aufpassen. Inwiefern Fluchtursachen berechtigt sind oder nicht, kann keiner von uns Bürgerinnen und Bürgern im Einzelnen beurteilen. Was wir allerdings beurteilen können ist, dass das Schüren von diffusen und nicht greifbaren Ängsten durch rechtspopulistische und verantwortungslosen Politiker, insbesondere die der der AfD, dazu geführt haben, dass nicht nur Menschen der Migration, zu denen auch ich in zweiter Generation gehöre, sondern auch Urdeutsche wieder Angst bekommen. Und dies in derzeit wirtschaftlich guten Zeiten nach weniger als 75 Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit über 55 Millionen Opfern. Das unqualifizierte mediale Ausschlachten von Straftaten, begangen von Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund, das Manipulieren von sensiblen und teilweise auch  berechtigten sozialen, teilweise von der großen Politik vernachlässigten  Themen, begleitet von einer tiefen ablehnenden Haltung gegenüber allem Fremden, insbesondere aus Ländern, welche islamisch, jüdisch, oder einfach nur anders geprägt sind, birgt gesellschaftliche Risiken, welche uns auf Generationen schädigen werden, wenn wir diese Entwicklungen zulassen.

Bitte lassen Sie uns ein Zeichen setzen, dass wir dies gesellschaftlich nicht zulassen werden und möchten. Unsere Gesellschaft des Wohlstands, der grenzenlosen Freiheit, unsere Wirtschaft sowie letztendlich unsere großartige Demokratie haben seit Jahrzehnten, auch im Wesentlichen durch diese Vielfalt, eine weltweite Musterdemokratie geschaffen, die wir alle Miteinander schützen müssen. Es ist unsere Heimat, unser Deutschland und unsere Pflicht, unsere freiheitlichen Grundwerte zu schützen und aufzustehen, wenn Unrecht geschieht und unsere Gesellschaft ins Wanken gerät bzw. ins Wanken geraten soll.

Am Freitag, den 21.02.2020 um 11.35 Uhr habe ich unseren Hauptamtsleiter, Herrn Benjamin Eger, gemeinsam mit meinem stellvertretenden Ortsvereinsvorsitzenden, Björn Scherenberger, gebeten, die Fahne vor dem Rathaus auf Halbmast zu setzen. Ich möchte Herrn Eger von Herzen danken, dass er sofort einwilligte und sich persönlich, kurz vor dem Wochenende, darum kümmerte. An der Stelle vor dem Rathaus sind heute Vormittag Blumen und Botschaften niedergelegt. Sofern es Euch/Ihnen möglich ist, wäre es ein schönes Zeichen, sofern es die öffentliche Ordnung nicht stört, hier ebenfalls ein Zeichen zu setzen.

„Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt habt. Entscheidet Euch, ehe es zu spät ist" Sophie Magdalena Scholl.  Getötet durch das Fallbeil am 22.02.1943

„Es lebe die Freiheit“ Hans Fritz Scholl, unmittelbar vor seiner Hinrichtung am 22.02.1943 

Miteinander und mit Herzlichen Grüßen,

Euer / Ihr  Hasan Sen

SPD Ortsverein Illerkirchberg-Weihungstal

 

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